Heiligtümer der deutschen Sprache
Wir schreiben Berlin, den 9. August 2008, ein U-Bahnhof in Kreuzberg-City. Ein roter Feuerlöschkasten stört das triste Bild, welches die gerade abgefahrene U-Bahn hinterlassen hat. Nicht nur die Farbe leuchtet grell, auch das darauf Geschriebene entfacht im Leser das Gefühl, blind oder blöd sein zu wollen.
Du bist für mich immer helig sein steht über der Zeichnung eines Feuerlöschers, weder säuberlich noch andächtig geschrieben. Ich begrüße diesen Versuch der Integration: Das zeigt doch, dass Immigranten weder unaufgeschlossen der deutschen Sprache gegenüber noch dass sie lernfaul sind – oder gar ängstlich der deutschen Mentalität gegenüber stehen.
Wer so etwas schreibt, schreit geradewegs danach, belehrt zu werden; will unbedingt von mit der deutschen Bürokratie Aufgewachsenen über die neue und alte Rechtschreibung und deren Anwendung aufgeklärt werden; der provoziert nahezu, dass ein Polizeibeamte, ‘Streetworker’, Staatsanwalt oder Callcenter-Mitarbeiter auftaucht, herablassend auf den Übeltäter schaut und mit gelangweilter Stimme sagt: “Hör mal, das ist aber falsch.’ Genau, nichts weiter. Soll er doch selber lernen, der Ausländer. Kann ihm ja auch keiner helfen. Was genau hat er denn gemeint? Wollte er seine unerschütterliche Zuneigung zu einem gerade kennengelernten Berliner Mädel kundtun, damit sie ihm die Beschwörungen seiner ewigen Liebe abnimmt? Oder aber kommt ‘helig’ von ‘Hehler’ & Co. anstelle vo geflügelten Himmelsbewohnern und ihren Aposteln auf Erden?
In jedem Fall muss man der Sprachauswahl respektvoll gegenüberstehen – denn der Schreiber hat versucht, Futur und Gegenwart gleichzeitig zu benutzen – darauf ist noch keiner der Sprachfetischisten gekommen, die tagtäglich und alljährlich an neuen Regeln herumbasteln. Wär doch mal ne Idee.
Hallo Welt
Heute ging ich zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder joggen. Ich lief eine Viertelstunde, zunächst bergauf, dann bergab und schließlich das ‘Bergwegle’ hinauf – ein Pfad, der seinem Namen alle Ehre macht. Steil und eng war es. Dennoch stand alle 10 Meter eine Bank, von der aus man nicht etwa eine schöne Aussicht genießen konnte, sondern in den Wald oder gegen einen Zaun guckte.
Auf eben so eine Bank verschlug es mich atemschnaubend. Ich nahm zur Kenntnis, das eine philosophische Seele auf den hässlichen Metallzaun mir gegenüber geschrieben hatte: ‘Was bist du?’ Freude erfüllte mich - unsportlich bin ich, körperlich total erledigt, ein schnaubendes Etwas… und dennoch freute ich mich unmäßig, dass jemand diese geniale Stelle gefunden hatte, diese Frage zu stellen.
Meine Laune verschlechterte sich, als mein Blick nach rechts wanderte: Dort stand in der gleichen Schrift geschrieben ‘Ich liebe die Weld’. Welch schnöde Aussage, leichtfertig niedergekritzelt. Und dann auch noch falsch. Ich war versucht, das Wort ‘Weltverbesserer’ darunter zu schreiben. Mit einem fetten, eingekringelten und unterstrichenen T.
Mein Vorhaben scheiterte an der Abwesenheit eines Eddings.
Freiheit mal ganz nüchtern… sprachlich
Freiheit
1) Synonyme: Ungebundenheit, Unabhängigkeit
2) Gegenwörter: Gebundenheit, Abhängigkeit, Fremdbestimmung, Gefangenschaft, Unfreiheit
3) englisch: freedom – französisch: liberté – spanisch: libertad – italienisch: libertà – rumänisch: libertate – portugiesisch: liberdade – dänisch: frihed – finnisch: vapaus – polnisch: wolnosc – tschechisch: svoboda – türkisch: özgürlük – esperanto: libero
frei
1) Synonyme: ungehindert, uneingeschränkt, kostenlos, vakant, offen, unabhängig, nackt, ledig
2) Gegenwörter: unfrei, besetzt, verheiratet
3) englisch: free – französisch/spanisch: libre - italienisch: libero – portugiesisch: livre – dänisch/schwedisch: fri – finnisch: vapaa – polnisch: wolny – tschechisch: volný – türkisch: özgür – esperanto: libera – hawaiisch: hamama
Erweiterte Definition von Freiheit
Das Wort ‘frei’ bedeutet simpel ausgelegt ’nicht gefangen sein’.
Diese Interpretation bietet nicht die Möglichkeit, die Freiheit als zu erstrebendes Ideal zu sehen: sie scheint erreicht zu sein, sobald äußere Einschränkungen aufgehoben sind. Unter ‘nicht gefangen sein’ verstehen wir zunächst, nicht in einem Gefängnis zu sitzen oder sonst eingesperrt und eingeschränkt zu leben.
Doch bei genauerem Nachdenken stellt sich die Frage: Was bedeutet denn ‘gefangen sein’? Es zählt nicht die räumliche Isolation, sondern unser Verhältnis zu uns selbst und anderen. Meist sind wir in uns selbst gefangen, nämlich wenn wir keinen Ausweg finden für selbst konstruierte Irrwege innerhalb unserer Gedanken. Wir suchen die Lösung auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und merken, dass keine gut geteerte Hauptstraße zu ihr führt, sondern ein kompliziertes, steiniges Wegesystem. Indem wir über diese Missstände weiter nachdenken, verirren wir uns in dem Wegesystem, stolpern hin und wieder und sind letztendlich Gefangene unserer Gedanken.
Zugleich weist die Definition von ‘frei’ als ‘nicht gefangen sein’ auf ein philosophisches Denkmodell hin. Immanuel Kant und Isaiah Berlin prägten die Begriffe der positiven und der negativen Freiheit. Die positive Freiheit wird definiert als Nutzung der passiven Möglichkeiten von Freiheit, die negative hingegen bezeichnet den Zustand, in dem keine von anderen Menschen oder der Umwelt konstruierten Zwänge bestehen. Die positive Freiheit beschreibt also zu die Freiheit zu etwas, die negative die Befreiung von etwas und trifft damit genau die Kernaussage der ersten Definition: Freiheit ist Nicht-gefangen-Sein.
Allgemeine Definition von Freiheit
wikipedia.org:
Freiheit ist die Autonomie eines handelnden Subjekts. Freiheit ist die individuelle Möglichkeit, zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten auswählen und entscheiden zu können.
denkmodelle.de:
Freiheit ist alles Handeln, was nicht auf äußere oder innere Zwänge zurückzuführen ist, sondern auf persönlichen Wertmaßstäben beruht.
brainworker.ch:
Freiheit ist die Möglichkeit, so zu handeln, wie man will. Freiheit ist also Willensfreiheit.